Multimorbid und das Recht selbst zu sterben

Schon vor vielen Jahren sagte mein einst kleiner Sohn „Mama, das Sterben gehört zum Leben dazu“. Und natürlich hatte er Recht. Doch wie ist das eigentlich, wenn man z.B. multimorbid ist, ohne hohe Schmerzmittelmedikation keinen Tag mehr aushält und sich dafür entscheidet den Zeitpunkt des eigenen Todes selbstzubestimmen?

Gestern Abend lief auf ARD eine knapp 30-minütige Dokumentation mit dem Titel „Frau S. will sterben – Wer hilft am Lebensende?“. Diese Sendung hat mich sehr bewegt und auch aufgeregt, denn eigentlich könnte es jeden von uns treffen, wenn es heißt „Austherapiert, multimorbid“ und die Frage auftritt, dem Leben selbst ein Ende zu setzen.

Multimorbid bedeutet, dass ein Mensch nicht nur eine Erkrankung hat, sondern gleich mehrere. Ein Umstand, der natürlicherweise mit zunehmenden Alter auftreten kann. In verschiedenen Variationen und Ausprägungen. Bei einer vorhandenen Multimorbidität können zwar angepasste Pflegekonzepte und Therapien Linderung und eine menschenwürdige Lebensqualität ermöglichen, allerdings nicht in aller Konsequenz. Austherapiert, so lautet vielfach die Diagnose und die Betroffenen sehen sich in einer Abhängigkeit zu Personen und Medikamenten. Letztere sind oftmals zahlreich und vorallem im Bereich der Schmerzmittel zu finden.

Bei der gestrigen Doku war das solch ein Fall. Frau S. war 78 Jahre alt. Schon im Alter von nur 5 Jahren bekam sie Kinderlähmung. Über 41 Jahre war sie aktiv berufstätig und jetzt im hohen Alter multimorbid. Geistig vollkommen gesund und fit, war sie ständig auf Hilfe angewiesen, die letzten Jahre immer mehr. Ohne Medikamente konnte sie die dauerhaften Schmerzen gar nicht mehr aushalten, wobei selbst diese langsam ihre Wirkung verfehlten. Frau S. entschied sich sterben zu wollen. So lange sie selbst noch diese Entscheidung treffen und durchführen kann. In die Schweiz, wo Sterbehilfe gänzlich anders und humaner gehandhabt wird, wollte sie nicht fahren. Somit fiel ihre Wahl auf das Sterben in ihrem eigenen Zuhause. Mit der Hilfe ihres Sohnes, jedoch ohne jegliche Unterstützung und Begleitung eines Arztes. Der Grund:

§ 217
Geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung

(1) Wer in der Absicht, die Selbsttötung eines anderen zu fördern, diesem hierzu geschäftsmäßig die Gelegenheit gewährt, verschafft oder vermittelt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Als Teilnehmer bleibt straffrei, wer selbst nicht geschäftsmäßig handelt und entweder Angehöriger des in Absatz 1 genannten anderen ist oder diesem nahesteht.

Vorschrift eingefügt durch das Gesetz zur Strafbarkeit der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung vom 03.12.2015 (BGBl. I S. 2177), in Kraft getreten am 10.12.2015

Dieses Gesetzt untersagt folglich Ärzten eine aktive Sterbehilfe. Und lässt Menschen somit gänzlich in ihrem Schicksal und in ihrer Entscheidung für den Freitod alleine. In der Doku wurde gezeigt wie der Sohn, schweren Herzens, der Mutter beistand. Woher die alte, kranke Frau die entsprechenden Medikamente zur Selbsttötung her hatte, wurde in dem Film nicht gezeigt. Während Frau S. vollkommen in ihrem Entschluss für immer zu gehen äußerst gezielt und standfest war, zeigte sich die Schwere der mütterlichen Entscheidung für den Sohn. Er half ihr lediglich dabei die Medikamente hinzustellen, genommen hat sie Frau S. dann ganz eigenständig. Der Sohn verließ danach die Wohnung, kam Stunden später zurück und sah seine alte Mutter friedlich in ihrem Rollstuhl sitzend. Sie war gegangen, mit einer inneren Zufriedenheit. Keine Schmerzen und Ängste mehr. Es war vorbei…

Noch jetzt bekomme ich Gänsehaut. Und werde gleichermaßen wütend und traurig. Wie kann es sein, dass andere Menschen einem selbst bis zum Tod Vorschriften machen? Wie kann es sein, dass Ärzte nicht an der Seite derer stehen dürfen, die vor lauter Schmerzen keinen klaren Gedanken mehr fassen können? Auf ständige Hilfe angewiesen sind, obwohl sie das nicht wollen? Wo bleibt die Humanität in solchen Situationen?

Ich für mich selbst habe schon lange entschieden den Freitod zu wählen, sollte ich in einer ähnlichen Situation sein. Für mich kommt eine totale Abhängigkeit von anderen Menschen sowie von einer Dauermedikation absolut nicht in Frage. Und ich kann nur hoffen, dass, sollte es einmal soweit kommen, ich noch die Möglichkeit habe genau solch eine Entscheidung eigenständig treffen und durchführen zu können…

Wie denkt ihr über dieses Thema?

Sollten Ärzte nicht doch beistehen dürfen?

Fotoquelle: wikipedia.de

2 Gedanken zu “Multimorbid und das Recht selbst zu sterben

  1. Wow ein schwieriges Thema! In der Schweiz steht das Thema Sterbehilfe ja auch immer wieder zur Diskussion. Sterbehilfe erscheint mir in gewissen Fällen sinnvoll, vor allem, da man dann keine Familienmitglieder oder Freunde mit einer so schwierigen Aufgabe belasten muss. Angehörige haben ja sonst schon sehr mit dieser Entscheidung eines geliebten Menschen zu kämpfen und dann auch noch dabei zu helfen, wird die meisten Menschen überfordern. Ausserdem ist eine ärztliche Begleitung sinnvoll, damit das ganze human und ohne Komplikationen ablaufen kann.

  2. Ich fand diesen Beitrag zu Frau S. sehr gut. Es muss doch möglich sein, immer ,wann und auch warum ich nicht mehr Leben will, diesem ein Ende setzen zu können. Ist es besser solche Menschen von der Fahrbahn oder vom Gehweg zu kratzen? Es sollte immer möglich sein zu gehen – in Begleitung eines Arztes – damit man würdig sterben kann und nicht seine Verwandtschaft noch belastet

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